Heute war es endlich so weit: Unser dritter Tag begann früh, denn Adriyan und Emily hatten ihren ersten offiziellen Arbeitstag an der Schule. Auch Frau Klemm und Frau Böhle starteten in ihr Job Shadowing – und entsprechend gespannt waren wir alle.



Der Wecker klingelte heute schon gegen sieben Uhr, was in Deutschland 6 Uhr bedeutet, da es eine Stunde Zeitverschiebung gibt, denn um acht mussten wir bereits an der Schule sein. Nach einem ordentlichen Frühstück und einer großen Tasse Kaffee ging es motiviert und voller Tatendrang los.
Der Tag begann am Standort in Turuntie, wo sich der Medienbereich befindet. Dort blieb Emily, während Adriyan gemeinsam mit Frau Klemm und Frau Böhle zum zweiten Schulstandort weiterfuhr. Dieser befindet sich ebenfalls in Loimaa und bietet andere fachliche Schwerpunkte.
Frau Böhle verbrachte den Tag zusammen mit Adriyan im Gastronomiebereich. Dort erhielten sie spannende Einblicke in die Abläufe, Arbeitsweisen und die praktische Ausbildung der Schülerinnen und Schüler. Besonders beeindruckend war die klare Struktur in der Küche: Zu Beginn jedes Tages findet ein gemeinsames Meeting statt, an dem alle Schülerinnen und Schüler teilnehmen. Geleitet wird es vom Küchenchef Lasse und der Küchenchefin Pavi, die insbesondere im Bereich Patisserie tätig ist. In dieser Besprechung werden die Aufgaben des Tages sowie die Planung des Buffets gemeinsam durchgesprochen.

Im Anschluss arbeiten die Schülerinnen und Schüler in Zweierteams komplett selbstständig an ihren jeweiligen Aufgaben für die Zusammenstellung des Buffets. Zu Beginn erhält jede Station ein Rezept, das eigenständig auf die entsprechende Anzahl echter zahlender Gäste sowie auf das Lehrerkollegium kalkuliert werden muss. Das Besondere: Das Essen musste um 11:00 Uhr fertig sein – und tatsächlich haben es alle Teams geschafft, pünktlich fertig zu werden. Jede Schülerin und jeder Schüler arbeitete dabei im eigenen Tempo, sehr strukturiert und eigenverantwortlich. Der Küchenchef und die Küchenchefin mussten größtenteils nur noch kontrollieren, abschmecken und an einigen Stellen unterstützend eingreifen.



Dass dieses Arbeiten im eigenen Tempo, an eigenen Stationen und mit so viel Selbstverantwortung möglich ist, liegt vor allem an den sehr kleinen Lerngruppen. In der Regel bestehen diese aus etwa zwölf Schülerinnen und Schülern, die von zwei Lehrkräften im Team-Teaching begleitet werden. Diese enge Betreuung ermöglicht ein selbstorientiertes Lernen auf hohem Niveau und schafft eine besonders wertschätzende Lernatmosphäre.
Besonders spannend am finnischen Schulsystem ist zudem die Möglichkeit der kontinuierlichen Nachqualifizierung. Fachkräfte, die bereits eine Ausbildung oder sogar ein Studium abgeschlossen haben, können jederzeit weitere Kurse belegen und sich spezialisieren. Dadurch ist das Schülerklientel sehr gemischt: Von ganz jungen Auszubildenden bis hin zu 40-jährigen Teilnehmenden lernen hier unterschiedliche Altersgruppen gemeinsam. Dieser Mix aus Erfahrung, Motivation und neuen Perspektiven macht den Unterricht besonders lebendig und bereichernd.
Ein besonderes Highlight war auch, dass Adriyan seinen ersten Tag sehr erfolgreich gemeistert hat. Gemeinsam mit seiner Partnerin Charlotta war er selbstverantwortlich für das Salatbuffet und insbesondere den Coleslaw zuständig. Sie planten, bereiteten zu und richteten alles eigenständig an. Spoiler: Es hat wirklich sehr gut geschmeckt!

Emily war währenddessen komplett selbstständig in ihrer eigenen Gruppe im Medienbereich aktiv und arbeitete dort eigenverantwortlich an ihren Aufgaben. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann in Emilys Blog nachlesen – dort berichtet sie ausführlich von ihren Eindrücken und Erfahrungen.
Frau Klemm schnupperte im Bereich Körperpflege hinein. Zunächst begleitete sie die Friseurinnen und Friseure bei ihrer Arbeit und konnte anschließend auch den Kosmetikbereich kennenlernen. Die Lehrerinnen Anne und Jannika präsentierten ihren Fachbereich mit großer Freude und waren uns gegenüber sehr freundlich und offen. Man merkte sofort, mit wie viel Engagement und Begeisterung sie ihre Arbeit ausüben.



Es war faszinierend zu beobachten mit wie viel Präzision und Kreativität hier gearbeitet wird. Besonders bemerkenswert: eine Schülerin aus dem Kosmetikbereich gehört aktuell zu den besten acht Kosmetikerinnen in ganz Finnland. Sie nimmt regelmäßig an Wettbewerben und Meisterschaften teil – Eine wirklich beeindruckende Leistung!
Außerdem gibt es bereits neue Austauschideen: Sowohl die Kosmetikschülerin als auch die Schülerin aus dem Friseurbereich möchten gerne zu einem Austausch an unsere Schule kommen. Darüber wu¨rden wir uns natürlich sehr freuen!
Besonders interessant war die Struktur der Ausbildung: Alle Schüler*innen unter 18 Jahren bekommen sämtliche Materialien kostenlos gestellt – darunter zwei Damenübungsköpfe, einen Herrenübungskopf, zwei Scheren sowie Kämme und weitere Arbeitsmaterialien.
Aktuell gibt es an der Schule nur eine einzige Klasse in der schulischen Friseurausbildung, die sich derzeit im zweiten Lehrjahr befindet. Der Unterricht ist in Teilen offen gestaltet: Die Schülerinnen wissen genau, wo sich bestimmte Materialien befinden, und können diese eigenständig holen. Andere Materialien – wie beispielsweise die Übungsköpfe – sind in einem durchdachten System verstaut. Die Schränke sind mit Bildern und den jeweiligen Modellnamen der Übungsköpfe versehen, sodass die Schülerinnen selbstständig den richtigen Kopf auswählen können, wenn die Lehrkraft dies ankündigt.
Alle tragen einheitliche Arbeitskleidung: ein schwarzes Shirt (lang- oder kurzärmelig) mit dezentem Schullogo sowie einen schwarzen Arbeitskittel. Die Hose ist frei wählbar, zum Beispiel eine Jeans.
Der Unterricht ist teilweise eher demonstrativ aufgebaut: Die Lehrkraft zeigt neue Techniken – beispielsweise eine Freihandsträhnentechnik – und die Schülerinnen führen diese anschließend eigenständig aus. Deutlich offener wird das Lernen jedoch, sobald Kundinnen empfangen werden. An bestimmten Tagen arbeitet die Klasse sehr praxisnah mit echten Kund*innen. Diese zahlen lediglich die Materialkosten und bringen entsprechend Zeit mit. So sammeln alle wertvolle reale Berufserfahrung.
Im Bereich Kosmetik läuft dies ganz ähnlich ab. Auch hier wird mit echten Kundinnen gearbeitet, und beide Bereiche verfügen über ein digitales Buchungssystem, über das sich Kundinnen anmelden können.





Besonders bemerkenswert ist zudem die Vielfalt innerhalb der Klassen: Unter den Lernenden befinden sich auch drei ukrainische Geflüchtete, die seit knapp vier Jahren in Finnland leben. Vor Beginn ihrer Ausbildung haben sie zunächst einen Sprachkurs an einer anderen Schule besucht.
Die Pausenzeiten sind klar geregelt – von 11:00 bis 12:00 Uhr findet die Lunchpause statt.
Für uns alle war der Tag unglaublich interessant. Natürlich entdeckten wir einige Parallelen zu unserer eigenen Schule, aber ebenso viele Unterschiede, die neue Perspektiven eröffneten. Genau dieser Austausch macht solche Erfahrungen so wertvoll.
Abschließend können wir sagen, dass uns nicht nur die fachlichen Einblicke beeindruckt haben, sondern auch die Menschen vor Ort. Generell waren alle Lehrkräfte sehr nett, offen und hilfsbereit uns gegenüber. Die Atmosphäre an der Schule ist insgesamt sehr angenehm, wertschätzend und herzlich – man fühlt sich sofort willkommen.
Am Ende des Tages waren wir zwar ziemlich müde von den vielen neuen Eindrücken, aber auch sehr begeistert. Es war ein anstrengender, aber rundum gelungener Tag mit vielen spannenden Momenten und jeder Menge Spaß.
Wir sind gespannt, was die nächsten Tage noch für uns bereithalten!


